Straßenschilder, ein Pfeil in die Richtung Job, ein andere in die Richtung Hartz 4

Frauen-Arbeitslosigkeit

NRW-Wohlfahrtsverbände fordern mehr Gleichstellung bei Familien- und Arbeitsmarktpolitik

Der aktuelle Arbeitslosenreport der nordrhein-westfälischen Wohlfahrtsverbände zeigt: Frauen sind häufiger langzeitarbeitslos, benötigen öfter aufstockende Hartz-IV-Leistungen als Männer, erhalten aber weniger Förderung in arbeitsmarktpolitischen Maßnahmen. Um das zu ändern, fordern die Verbände eine gleichstellungsorientierte Familien- und Arbeitsmarktpolitik, die ordentlich entlohnte, sozialversicherungspflichtige Arbeitsplätze mit der Sorgeverantwortung in der Familie vereinbar macht.

In Nordrhein-Westfalen waren im September 2017 über 315.000 Frauen arbeitslos gemeldet. Fast jede Zweite von ihnen (44 Prozent) war langzeitarbeitslos. Vor allem fehlende berufliche Qualifikationen und die Herausforderung, als Alleinerziehende die Betreuung von Kindern sicherzustellen, erschwert ihnen die Teilhabe am Erwerbsleben. Alleinerziehend ist rund jede sechste Arbeitslose. Damit diese Frauen und ihre Kinder nicht in Armut geraten – jetzt und später bei der Rente – fordern die Wohlfahrtsverbände einen Ausbau der Betreuungsplätze für Kinder und das so, dass die Frauen auch die Möglichkeit haben zum Beispiel fehlende Qualifikationen nachzuholen.

Berufsbildung kann nachgeholt werden


Tatsächlich haben mehr als die Hälfte aller arbeitslosen Frauen in NRW keine abgeschlossene Berufsausbildung und damit auch wenig Zugang zu besser bezahlten Arbeitsplätzen und einer durchgängigen Karriereplanung. Der Vorsitzende der Freien Wohlfahrtspflege NRW, Andreas Johnsen, appelliert, dieses erhebliche Bildungspotential nicht länger brach liegen zu lassen. Er fordert die Ausweitung und stärkere Nutzung der Möglichkeiten, Berufsabschlüsse in Teilzeitausbildungen oder in modularisierten Bildungsgängen erwerben zu können: „Viele arbeitslose Frauen wollen und können eine Berufsausbildung nachholen. Sie müssen in den Jobcentern gezielt auf diese Chance hingewiesen und bei der praktischen Umsetzung individuell unterstützt werden. Dazu bieten wir als Freie Wohlfahrtspflege in NRW die kompetente Kooperation unserer Dienste und Einrichtungen an. Vor allem aber appelliere ich an die Wirtschaft, endlich wieder mehr Engagement in der Berufsausbildung zu zeigen und dabei auch neue Wege einzuschlagen.“

Viele Aufstockerinnen


Über 156.000 Frauen in Nordrhein-Westfalen sind trotz Arbeit auf aufstockende Hartz-IV-Leistungen angewiesen. Grund ist meist die Beschäftigung in Teilzeit- und Minijobs. Diese Frauen tragen ein doppeltes Risiko: Zum einen zahlen sie weniger oder gar nicht in die sozialen Sicherungssysteme ein und sind deshalb von Altersarmut bedroht, zum anderen werden Minijobs oft zu einer beruflichen Sackgasse und verbauen den Aufstockerinnen langfristig den Weg in existenz- und alterssichernde Arbeit.

Arbeitsmarktpolitische Förderung


Damit Arbeitslose nicht auf prekäre Arbeitsverhältnisse angewiesen bleiben, setzt die Freie Wohlfahrtspflege auf Qualifizierung, auch mithilfe arbeitsmarktpolitischer Förderung. Doch während die Arbeitslosigkeit in Nordrhein-Westfalen nahezu gleich auf die Geschlechter verteilt ist, lag der Frauenanteil an arbeitsmarktpolitischen Fördermaßnahmen bei nur 38 Prozent. Besonders niedrig sind die Frauenanteile bei Maßnahmen zur Aufnahme einer Erwerbstätigkeit (34 Prozent), bei Maßnahmen der Berufswahl und Berufsausbildung (36 Prozent) und bei Beschäftigung schaffenden Maßnahmen (37 Prozent). Für den Vorsitzenden der Freien Wohlfahrtpflege NRW ist dies nicht hinnehmbar. Er stellt fest: „Die gesetzlichen Vorgaben werden hier eindeutig nicht erfüllt, denn sie verlangen eine Beteiligung von Frauen an Maßnahmen der aktiven Arbeitsmarktpolitik, die mindestens ihrem Anteil an den Arbeitslosen und ihrer relativen Betroffenheit von Arbeitslosigkeit entspricht. Die Freie Wohlfahrtspflege fordert vor allem von den Jobcentern mehr Anstrengungen, um bei der Vergabe der knapp gewordenen Plätze in Fördermaßnahmen Frauen angemessen zu berücksichtigen. Dazu gehört auch, mehr Maßnahmen gezielt so zu konzipieren, dass sie dem Lebenskontext und der familiären Situation von Frauen gerecht werden, insbesondere den spezifischen Bedürfnissen von Alleinerziehenden.“

Gutes Beispiel


Wie das gehen kann, zeigt der Verein in Wuppertal. Die Mitgliedsorganisation des Paritätischen NRW hat ihre Angebote speziell auf die Bedürfnisse von Frauen zugeschnitten. Seien es Beschäftigungsprojekte in Teilzeit oder mit Kinderbetreuung, berufliche Perspektiventwicklung schon für Schwangere oder Angebote für Frauen mit Migrationshintergrund. Bei alpha funktioniert es: 280 von 300 Maßnahmenplätzen werden von Frauen genutzt. Doch die beispielhafte Arbeit steht nun auf der Kippe. Zwar hat das Jobcenter Wuppertal explizit "Integrationsquote von Frauen erhöhen" als inhaltlichen Schwerpunkt des Arbeitsmarktprogrammes 2018 benannt, was natürlich zu begrüßen ist. Doch zeitgleich wurde gerade bekannt, dass es in der aktiven Arbeitsmarktförderung 2018 rund 4,5 Millionen im Vergleich zum Vorjahr einsparen muss. Für alpha ein harter Schlag: Voraussichtlich werden davon knapp 300.000 Euro die Mitgliedsorganisation des Paritätischen betreffen. Rund 30 Prozent der Maßnahmenplätze drohen wegzubrechen. Die Integrationsquote von Frauen kann so sicher nicht erhöht werden.

Fehlende berufliche Qualifikation und Probleme bei der Betreuung von Kindern erschweren Frauen die Teilhabe am Berufsleben.
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